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Wer lässt wen verhungern?

Die tägliche Massenvernichtung durch Hunger in der dritten Welt –

Um es gleich vorweg zu sagen: Der jährliche Hungertod von mehreren Mio. Menschen auf der Welt ist nach Jean Ziegler nicht die Folge von Naturkatastrophen, sondern von Menschenhand gemacht. Ein Kind, das an Hunger stirbt – und das geschieht alle 5 Sekunden bei Kindern unter 10 Jahren –, ist ermordet worden.

Jean Ziegler – Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats und von 2000 bis 2008 UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – beschreibt in seinem Buch ungeschminkt das Ausmaß der täglichen, stündlichen „Massenvernichtung“. Er schildert den Niedergang des Welternährungsprogramms (WFP) und entlarvt die Schuldigen. Aber er belässt es nicht bei Analyse und Anklage. Wenn Hunger das Werk von Menschen ist, dann kann er auch von Menschen besiegt werden. Jean Ziegler entlässt den Leser nicht, ohne ihm eine Perspektive, eine Hoffnung an die Hand zu geben.

Im ersten Teil seines Buches beschreibt Jean Ziegler die Katastrophe. Der Hungertod ist gegenwärtig der Hauptgrund für Tod und Verlust auf der Erde. Jean Ziegler unterscheidet zwischen dem „konjunkturellen Hunger“, der ins Auge (und in die Medien) springt und von Naturkatastrophen verursacht wird, und dem „strukturellen Hunger“, dem unzulänglich entwickelte Produktionsstrukturen der Länder des Südens zu Grunde liegen. Von den 7 Mrd. Menschen auf unserem Planeten sind 1,2 Mrd. von extremer Armut betroffen. Von ihnen leben 75 Prozent auf dem Land. Es wundert Jean Ziegler  nicht, dass 98 bis 99 Prozent der Unterernährten in den Entwicklungsländern leben. In den schwarzafrikanischen Ländern leidet fast jeder Dritte an Unterernährung.Jean Ziegler stellt dem „sichtbaren“ Hunger den „unsichtbaren“ zur Seite: die Mangel- und Unterernährung. Die Folgen sind kaum sichtbar: Anfälligkeitfür Infektionskrankheiten, Blindheit, geistige Behinderung, Missbildung. Die schlimmsten Auswirkungen dieses „silent hunger“ finden sich bei Kindern bis zu fünf Jahren. Jean Ziegler beschreibt schonungslos die einzelnen Stadien der „Hungerkrankheit“ Noma (von nomein, gr. = zerfressen), die das Gesicht des betroffenen Kindes langsam entstellt und zerstört.

Im zweiten Teil seines Buches blickt Jean Ziegler zurück auf den Umgang mit Hunger im Laufe der Geschichte. Hunger galt lange Zeit als Schicksal. Thomas Malthus, geb. 1766 in England, vertrat die rassistische These von der Notwendigkeit des Überlebens der Menschheit auf Kosten der Schwachen und Armen. Hitlers Hungerplan gegenüber den „minderwertigen“ Völkern war die grauenhafte Konsequenz dieser Theorie.

Auf der anderen Seite redete der brasilianische Arzt Josué Apolonio de Castro, geb. 1908, der Welt mit seinem Buch „Weltgeißel Hunger“ (später: „Geopolitik des Hungers“) ins Gewissen. Nicht sozialer Stand und Abstammung, sondern Hunger sind nach ihm die Ursachen zahlreicher Krankheiten und Behinderungen. Die Welt wachte auf. 1946 wurde die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation), die erste Sonderorganisation der ein Jahr zuvor gegründeten UNO ins Leben gerufen. 1948 wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet, die das Recht auf Nahrung festschreibt. 1963 wurde das WEP (Welternährungsprogramm) zur Durchführung der Nothilfe gegründet.

Im dritten Teil seines Buches entlarvt  Jean Ziegler die „Feinde des Rechts auf Nahrung“, die transkontinentalen Privatkonzerne. Heute kontrollieren die 200 größten Konzerne der Agrarindustrie ca. ein Viertel der globalen Lebensmittelerzeugung. Nur zehn Unternehmen – u.a. Aventis, Monsanto, Pioneer, Syngento beherrschen heute ein Drittel des Saatgutmarktes und 80 Prozent des Pestizidenmarktes. Und sechs Unternehmen teilen 77 Prozent des Düngermarktes unter sich auf: Bayer, Syngenta, BASF, Cargill, DuPont, Monsanto. Man kann sich die Verknüpfungen der Waren beim Verkauf von Lebensmittel an ahnungslose Kleinbauern lebhaft vorstellen. Im Bereich der Verarbeitung und Vermarktung von Agrarprodukten liegen insgesamt mehr als 80 Prozent des Handels in Händen von wenigen Konzernen. Damit liegt die gesamte Kontrolle der Nahrung der Welt in den Händen weniger transkontinentaler Konzerne. Am Beispiel von Cargill, des mächtigsten Getreidehändlers der Welt,  beschreibt Jean Ziegler detailliert die Praktiken eines solchen Konzerns und ihre Auswirkungen. Seine Folgerungen: UNO und die sie unterstützenden zwischenstaatlichen Organisationen wie WTO (Welthandelsorganisation), IWF(Internationaler Währungsfond) und Weltbank ordnen sich schon längst den „transkontinentalen Kraken“ unter.Die unselige Rolle dieser drei „Apokalyptischen Reiter“ schildert Jean Ziegler am Beispiel ihrer Aktivitäten in Haiti, Sambia und Ghana.

Im vierten Teil beschreibt Jean Ziegler den „Ruin des WFP (Food and Agricultural Organisation = Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) und die Ohnmacht der FAO (World Food Programme = Welternährungsprogramm)“. Er schildert ausführlich die ihr zugedachten Aufgaben, ihre positiven Operationen und Projekte, aber auch den Rückgang der Einnahmen und damit ihre zunehmende Bedeutungslosigkeit So gingen die Hilfsgelder der EU für den WFP noch vor 2008 etwa um die Hälfte zurück. Die Rettung der Banken ist eine der Ursache für diesen Rückgang. Jean Zieglers Urteil: „Wirklich schuld an dieser Situation sind die Spekulanten – die Manager der Hedge Fonds, die noblen Großbankiers und andere Raubritter des globalisierten Finanzkapitals – die aus Profitsucht und persönlichem Gewinnstreben, aber auch einer gehörigen Portion Zynismus das Weltfinanzsystem ruiniert und Vermögenswerte in Höhe von vielen Hundert Mia. Euro vernichtet haben.“  Das Schicksal der FAO wird von den transkontinentalen Konzernen bestimmt. Nach Jean Zieglers Urteil wurde die Organisation so heftig von den Konzernen bekämpft, dass sie regelrecht ausblutete. Sie wird von den Regierungen boykottiert und finanziell kurz gehalten, so dass sie mittlerweile 70 Prozent für ihren aufgeblähten Apparat ausgibt. Nur noch 15 Prozent der Finanzen stehen ihr für die Entwicklung der Landwirtschaft des Südens und gegen den Hunger zur Verfügung. Das ruft berechtigte Kritik hervor und schadet dem Ansehen der FAO nur noch mehr.

Das fünfte Kapitel des Buches handelt vom „grünen Gold“. Jean Ziegler entlarvt die Rede der Agrarkonzerne von der pflanzlichen Energie als „Wunderwaffe im Kampf gegen die rasch fortschreitende Klimazerstörung“ als Lüge. Agrotreibstoffe benötigen eine Menge Wasser und Energie zu ihrer Herstellung und belasten somit die Umwelt erheblich. Dennoch hat sich im Laufe der letzten 5 Jahre die Weltproduktion der Agrartreibstoffe verdoppelt. Jean Ziegler führt als erschreckendes Beispiel Brasilien an, in dem das Zuckerrohr in den Zeiten der Kolonisation die „Grundlage der Sklavenwirtschaft“ bildete. „Heute beuten die Hersteller der Agrotreibstoffe …Millionen von Wanderarbeitern aus.“ Und  „wieder legt sich der Fluch des Zuckerrohrs über Brasilien.“  Jean Ziegler belegt an vielen weiteren Beispielen, mit welcher Gewalt die Bioethanolkonzerne vorgehen, um sich Ländereien für ihre Produkte unter den Nagel zu reißen. Sie schädigen dabei nicht nur die Umwelt und die sozialen Strukturen der betroffenen Bevölkerung, sondern sind verantwortlich für die Destabilisierung ganzer Regionen.

Im letzten Kapitel seines Buches geht Jean Ziegler mit den Spekulanten hart ins Gericht. Weil sie die Grundnahrungsmittel Reis, Mais und Weizen allein mit der Absicht kaufen und verkaufen, um auf Preisänderungen zu reagieren und so ihren Profit zu erhöhen, treiben sie die Preisspirale für Lebensmittel erheblich an. Auf diese Weise wurden im Jahr 2008 die „Hungeraufstände“ ausgelöst, die 37 Staaten erschütterten. Auf dem Weltwirtschaftsforum 2011 in Davos „wurde der Preisanstieg bei Rohstoffen, vor allem bei Lebensmitteln, zu den fünf größten Bedrohungen für das Wohl der Nationen gezählt, auf einer Stufe mit dem Cyberkrieg oder mit Massenvernichtungswaffen in den Händen von Terroristen.“ Allerdings hat sich die Schweiz nicht gerade hervorgetan im Kampf gegen die Spekulation. Im Gegenteil. Seit 2009 gilt Genf geradezu als „Welthauptstadt der Spekulation“. Zwei Drittel der Spekulanten können hier offensichtlich ihrem Gewerbe ohne Störung nachgehen.Nach der Spekulation mit den Lebensmitteln folgt die Spekulation mit dem Land. Vor allem „der afrikanische Kontinent …wird zum Spielball für Investoren aus aller Welt.“  Weil viele Länder kein Grundbuch führen, gehört alles Land dem Staat. Und oft sind es gerade staatliche Stellen, die die Ländereien der zahlreichen Kleinbauern an Agrarkonzerne verkaufen und sich damit bereichern.

Die Bilanz Jean Zieglers ist nicht ohne Hoffnung. Schließlich spricht er von „keinem schicksalhaften Geschehen“, sondern vom „Skandal der ungerechten Verteilung“, der „ungeheuerlich“ ist. Für ihn gibt es „keine Ohnmacht in der Demokratie, keine Entschuldigung für freie Bürger, nichts zu tun“. „Notwendig sind bewusste, konkrete Aktionen, Aufstände, Landbesetzungen…“. Und indem er Che Guevaras Worte zitiert: „Die stärksten Mauern fallen durch Risse“, fordert er uns auf, „der gegenwärtigen kannibalischen Weltordnung, die die Menschen unter ihrer Betondecke begräbt, so viele Risse wie möglich“ beizubringen.

Alle Zitate sind aus der deutschen Ausgabe von:

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der dritten Welt. München 2012 (Bertelsmannverlag). Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel: Destruction massive. Geopolitique de la faim. Edition du Seuil, Paris

s. Veranstaltung:  Krieg um Land und Lebensmittel

Dienstag, 17. September um 19.30 Uhr im Friedensbildungswerk

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